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„Die Offenheit der Gespräche hängt davon ab, dass das Gesagte den Teilnehmerkreis nicht verlässt“

Der VKD befragt den Leiter des Dolmetschdienstes des Auswärtigen Amtes, Roland Schmieger, zum Dolmetschen beim G-7-Gipfel und den neuen Entwicklungen in der digitalen Konferenztechnik.

Sind Sie bereits früher bei G7- oder ähnlichen Gipfelveranstaltungen im Einsatz gewesen?

Da ich als Dolmetscher für Bulgarisch und Makedonisch keine G7-Arbeitssprache habe, war ich als Dolmetscher nicht im Einsatz auf G7- oder ähnlichen Gipfeln.

Sehr wohl habe ich aber beim G7-Gipfel 2015 in Elmau, dem G7-Außenministertreffen 2015 in Lübeck sowie zahlreichem Großveranstaltungen der OSZE jeweils unter deutschem Vorsitz den Dolmetschereinsatz organisiert.

Arbeiten Sie gern bei Großveranstaltungen?

Der Einsatz bei solchen sehr quirligen Ereignissen ist nicht jedermanns Sache. Die hektische Unruhe unter Hunderten und Aberhunderten an Mitarbeitern ist gewöhnungsbedürftig. Ich persönlich fand aber gerade dieses Umfeld besonders interessant, faszinierend und herausfordernd. Gerade inmitten all des Trubels Ruhe und Überblick zu bewahren, sehe ich als eine Art sportliche Herausforderung.

Roland Schmieger leitet den Dolmetschdienst des Auswärtigen Amtes und hat sowohl beim G7-Gipfel 2015 in Elmau, beim G7-Außenministertreffen 2015 in Lübeck als auch bei anderen Großveranstaltungen der OSZE unter deutschem Vorsitz den Dolmetschereinsatz organisiert.

Wie unterscheidet sich die Arbeit bei Gipfeltreffen von anderen Dolmetscheinsätzen? Was sind besondere Herausforderungen beim G7-Gipfel?

Nun, bei gewöhnlichen Dolmetscheinsätzen kommen ein oder zwei Dolmetscher, begeben sich zum Besprechungsraum und gehen ihrer Arbeit nach, die ihnen seit dem Studium bestens vertraut ist. Hier besteht die Herausforderung insbesondere darin, sich durch intensives Einlesen optimal inhaltlich vorzubereiten.

Bei Gipfeltreffen und ähnlichen Großveranstaltungen kommt zu alledem das sehr unruhige Umfeld hinzu: Hunderte von Menschen mit unterschiedlichsten Aufgaben schwirren durcheinander, ihre Wege und Wünsche behindern sich gegenseitig oder schließen sich gar gegenseitig aus. Es gibt zahlreiche Örtlichkeiten, die man vorher bestens kennen sollte. Man muss genau wissen, um welche Zeit welcher Weg vom Raum A zum Raum B genutzt werden kann, ohne an einer Sicherheitskontrolle zu scheitern. Der Transport der Dolmetscher muss in minutiöser Absprache mit dem Protokoll geplant werden, um nicht plötzlich wegen querender Delegationskolonnen (die natürlich Polizeischutz und überall Vorfahrt haben) hängen zu bleiben. Dann stellt sich die Frage, wann und wo man in all diesem Treiben die Dolmetscher mit etwas Essbarem versorgen kann. Ohne Mampf kein Kampf! Die Stimmung in einem über zwei Tage hinweg hochkonzentriert in einem unruhigen Umfeld arbeitenden Dolmetscherteam kann schnell kippen, wenn nicht rechtzeitig eine Tasse Kaffee oder Tee in der Kabine steht. All dies stellt an den Koordinator eines solchen Einsatzes große Herausforderungen.

Was wird dieses Jahr durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie anders sein?

Dieses Jahr erleben wir seit Mitte März die Absage aller Großveranstaltungen weltweit. Die wichtigsten von ihnen werden durch Videokonferenzen ersetzt, was zumindest in solchen Formaten ein Novum ist. Bislang waren der mehrsprachigen Dolmetschung von Videokonferenzen enge technische Grenzen gesetzt. Seit dem Beginn der Corona-Pandemie entwickelt sich dieser Sektor jedoch in atemberaubendem Tempo. Neue Plattformen schießen aus dem Boden, werden um zusätzliche Audiokanäle für die mehrsprachige Abhaltung von Konferenzen erweitert und auch sicherheitstechnisch aufgerüstet. Schließlich will niemand, dass vertrauliche Beratungen im Kreise einiger weniger Staatslenker in allen Details an die Öffentlichkeit dringen. Die Offenheit der Gespräche hängt ganz wesentlich davon ab, dass die Teilnehmer sich sicher sein können, dass das Gesagte den Teilnehmerkreis nicht verlässt.

Der diesjährige G7-Gipfel sollte in Camp David stattfinden. Zwischenzeitlich wurde er in seiner Präsenzform abgesagt und sollte durch eine Videokonferenz ersetzt werden. In diesem Falle gäbe es zwei Möglichkeiten: Entweder die US-Seite als Gastgeber gewährleistet die Dolmetschung (dann wohl höchstwahrscheinlich remote), oder aber man einigt sich auf Englisch als gemeinsame Verhandlungssprache, wobei es jedem Teilnehmer freisteht, lokal bei sich dolmetschen zu lassen. Neuerdings arbeitet die US-Seite jedoch wieder darauf hin, den Gipfel in seiner ursprünglich geplanten physischen Form auszurichten.

Welche Dolmetscharten werden beim G7-Gipfel angewendet? Wie ist der genaue Ablauf? Gibt es Unterschiede durch die Corona-Pandemie?

Grundsätzlich werden alle Plenargespräche bei G7-Gipfeln simultan gedolmetscht (dies gewährleistet die jeweils gastgebende Seite). Die zahlreichen Gespräche am Rande können dann je nach verfügbarer Zeit und auch je nach den Räumlichkeiten und technischen Möglichkeiten vor Ort entweder simultan oder konsekutiv von den Dolmetschern der jeweils eigenen Seite gedolmetscht werden. Die bilateralen Gespräche der Bundeskanzlerin werden also von mitreisenden Dolmetscherinnen und Dolmetschern des Auswärtigen Amts übernommen.

Ob und in welchem Umfang bilaterale Gespräche bei dem nun anstehenden und vielleicht doch nur virtuell durchgeführten Gipfel stattfinden werden, ist noch unklar. Wenn ja, dann dürften diese ebenfalls von uns (und von der jeweiligen Seite des Gesprächspartners) simultan gedolmetscht werden.

Wie sieht der Tagesablauf eines Dolmetschers bei einem Gipfeltreffen aus? Sind Sie bei allen Gesprächen dabei?

Bei Präsenzgipfeln herkömmlicher Art reisen unsere Dolmetscherinnen und Dolmetscher mit der Bundeskanzlerin mit und sind während des gesamten Gipfels vor Ort anwesend. Sie nehmen jeweils an den bilateralen Gesprächen teil, bei denen sie mit ihrer jeweiligen Arbeitssprache benötigt werden.

Welche Fähigkeiten und Kenntnisse muss ein Dolmetscher für solche Veranstaltungen mitbringen?

Sowohl für die Plenarveranstaltungen als auch für die bilateralen Gespräche am Rande werden ausschließlich sehr erfahrene Dolmetscher eingesetzt. Wir haben 2015 in Elmau mit muttersprachlichen Kabinen gearbeitet, lediglich die japanische Kabine arbeitete aller-retour. Dabei habe ich Kolleginnen und Kollegen rekrutiert, die aus möglichst vielen der G7-Sprachen jeweils in ihre Muttersprache arbeiten konnten. Lediglich Japanisch wurde über das deutsche Relais übernommen.

Für die bilateralen Gespräche am Rande setzen wir üblicherweise unsere festangestellten Dolmetscherinnen und Dolmetscher aus dem Auswärtigen Amt ein, die ebenfalls langjährige Erfahrung mit derartigen Veranstaltungen haben.

Wie lange im Voraus bereiten Sie sich auf Konferenzen wie einen G7-Gipfel vor?

Für mich als Koordinator des von G7-Gipfels 2015 unter deutscher Präsidentschaft begannen die ersten Vorbereitungen schon knapp ein Jahr vor dem Ereignis, zunächst mit der Zusammenstellung eines von der Sprachkombination her idealen Teams. Da zu diesem Zeitpunkt noch vieles unklar ist, nimmt man die Wunschkandidaten zunächst unter Option, um dann zum frühesten sinnvollen Zeitpunkt auch fest zu verpflichten.

Es folgt dann peu à peu die Detailplanung: Anreise, Unterbringung, gemeinsamer Transport zum Veranstaltungsort, Ortsbesichtung, Fahrten vor Ort, Wegeplanung, Verpflegungsplanung (jeweils in enger Zusammenarbeit mit dem Protokoll) usw. Später dann Ausarbeitung eines Programmhandbuchs für das Dolmetscherteam, Sammlung von Gesprächsunterlagen, Bemühung um Redemanuskripte.

Für die aktiven Dolmetscher besteht die Vorbereitung im Wesentlichen in dem üblichen Studium der sehr umfangreichen Gesprächsunterlagen. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass die logistische Planung von Protokoll und Dolmetsch-Koordinator so umsichtig war, dass sie möglichst ohne missliebige Zwischenfälle problemlos jeweils zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort gelangen.

Wie verhält es sich mit dem Stresslevel während der Konferenz? Nach wie vielen Minuten werden Sie abgelöst? Wie viele Stunden pro Tag müssen Sie zur Verfügung stehen?

Für das Dolmetscherteam, das die Plenarveranstaltungen dolmetscht, ist naturgemäß viel Stress angesagt: Die aufwändigen Sicherheitskontrollen und Sammeltransporte sowie die Bewegung durch ein dichtgedrängtes, sehr geschäftig-quirliges Umfeld ist durchaus belastend. Ist man dann erst in seiner Kabine angelangt, hat man von all diesen Dingen zwar seine Ruhe, es beginnt aber der Stress des Dolmetschens an sich. Diesen sind wir alle aber gewohnt und wir fühlen uns dabei wohler als in der von außen entstehenden Unruhe.

Die Arbeitszeiten sind ganz erheblich, zumal nicht selten einzelne Sitzungsblöcke überzogen werden. Wir arbeiten hier in der Regel in Dreierteams mit maximal überlappenden Sprachkombinationen, so dass die Ablösung möglichst flexibel erfolgen kann.

Unsere „bilateralen“ Dolmetscherinnen und Dolmetscher haben in der Summe deutlich weniger Arbeitsstunden, sind aber dafür in dem nicht einfachen Drumherum viel mehr unterwegs als die Kolleginnen und Kollegen vom Plenarteam. Insgesamt kann man sagen, dass alle auf einem Gipfel eingesetzten Dolmetscherinnen und Dolmetscher nach getaner Arbeit einen guten Schlaf haben.

Werden bestimmte Verfahren in besonderen Situationen, z. B. bei einer technischen Panne oder ähnliches, vorher eingeübt?

Nein. Die theoretisch denkbaren Pannen sind so vielfältig, dass man eigentlich gar nicht gezielt üben kann. Wichtig ist, dass man zum einen viel Erfahrung mitbringt (und daher das eine oder andere Malheur schon erlebt hat) und zum anderen in der Lage ist, sehr flexibel auf völlig neue Situationen wohlüberlegt reagieren zu können. Der Teamkoordinator wird im eigenen Interesse darauf achten, dass er nur solche erfahrenen und stressresilienten Kolleginnen und Kollegen rekrutiert.

Wie wird die Vertraulichkeit von Dolmetschern überprüft?

Alle Teilnehmer eines Gipfels (bis hin zum technischen Personal) werden vorab einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Darüber hinaus wissen wir, dass sich Dolmetscherinnen und Dolmetscher mit langjähriger Erfahrung auch der Berufstandsethik entsprechend der Verschwiegenheit verpflichtet fühlen.

In welchen Sprachen dolmetschen Sie?

Bei G7-Gipfeln sind das üblicherweise die Amtssprachen der Teilnehmerländer (Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch).

Wann haben Sie Ihren Job gut gemacht? Was sind Ihre Zielvorstellungen?

Als aktiver Dolmetscher war der Job gut gemacht, wenn Kunden und Kabinenkolleginnen und ‑kollegen zufrieden waren, das Teamecho ist insbesondere beim Relais (betrifft bei der G7 die japanische Kabine) besonders wichtig.

Für den Teamkoordinator gilt die Veranstaltung als Erfolg, wenn er das Team jederzeit rechtzeitig in den richtigen Kabinen platziert hat, sie möglichst umfangreich mit Informationen und möglichst Redemanuskripten versorgt hat und es ihm insbesondere gelungen ist, im Team eine gute Stimmung zu schaffen bzw. aufrechtzuerhalten. Letzteres gerät in hektischen Situationen besonders leicht unter die Räder, daher lege ich persönlich besonders großen Wert darauf. Eine positive Atmosphäre im Team ist eben auch die beste Garantie, dass die erwähnte erhebliche Belastung von den Dolmetschern gut und gerne geschultert wird.

Es gibt ja bereits die Möglichkeit, Gespräche mit technischen Hilfsmitteln wie KI verlässlich zu dolmetschen. Warum ist ein menschlicher Dolmetscher dennoch unverzichtbar?

Natürlich schreitet die Entwicklung von KI selbst im Dolmetschbereich technisch eindrucksvoll voran. Dennoch ist einerseits die Spracherkennung heute noch ein gewaltiges Problem. Man kann eine Spracherkennung mit sehr gutem Erfolg auf einen speziellen Sprecher und seine individuelle Sprechweise trainieren, bei wechselnden Sprechern auf Konferenzen ist jede derartige KI jedoch nach heutigem Stand noch weit überfordert. Andererseits umfasst das Dolmetschen so viel mehr als nur die rein mechanische Sprachübertragung: das Erfassen von Mehrdeutigkeiten, die Erkennung und stilistisch und kulturell adäquate Übertragung von Humor, die profunde Kenntnis der inhaltlichen Hintergründe, ohne die eine brauchbare Dolmetschung mit zahlreichen Abkürzungen und Anspielungen nicht denkbar wäre.

All dies sind Dinge, die eine KI nach heutigem Stand keinesfalls leisten könnte und die sicherlich noch lange Zeit weit außerhalb des Machbaren liegen werden.

© Roland Schmieger


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